Justus
Justus liebte die Sonne. Er versuchte, dichter an sie heran zu fliegen, doch sie blieb immer fern – egal wie weit er flog. Von der Sonne kam die Wärme und die mochte Justus. Er konnte bis zu 90 mal mit den Flügeln schlagen – und das in einer Sekunde. So kam man schon ziemlich schnell voran, aber Justus war sehr klein. So kam er nie zur Sonne. Aber dafür flog er von Blume zu Blume, machte Pause auf Gartenmöbeln oder schlief auf Bäumen. Von dort oben hatte Justus eine gute Sicht auf die Welt. Dann schaute er sich in der Welt um und fragte sich, wie die anderen Lebewesen so leben. Manchmal traf er eine Spinne, die mochte er nicht so gerne. Oder er traf Vögel, zum Beispiel Eulen, und dann flog er schnell davon. Justus war im Vergleich zu ihnen einfach sehr klein. Und falls sie ihn nicht fressen wollten, so wollte Justus auch nicht, dass sie sich aus Versehen auf ihn setzten oder so. Das wäre nicht so schön: eine große Eule auf dem kleinen Justus!
![]()
Justus plagte jedoch ein Problem: er wollte sich so gerne einmal selber sehen. Er beobachtete immer die Welt. Die Bienen waren länger als er selber und gelb und braun oder auch schwarz. Frösche waren im Vergleich zu Justus riesig und grün. Sie konnten laut quaken, aber Justus gab keine Geräusche von sich. Am liebsten fraß Justus Läuse, die waren sogar noch kleiner als er. Aber sonst waren wirklich fast alle Tiere größer als er. Sogar Schmetterlinge waren fast immer größer als Justus.
![]()
Aber Justus konnte sich einfach nicht vorstellen, wie er selber aussah. Es gab ja keine Spiegel für Tiere. Manchmal flog er an Glasscheiben vorbei, da sah er dann ein Eckchen von sich. Aber natürlich nur von der Seite oder von vorne. Aber nie von hinten. Und das würde ihn schon sehr interessieren. Justus setzte sich auf eine Rose. Dort fühlte er sich sehr wohl. Es gab sehr viele Läuse, die Justus auf der Stelle verspeiste. Das war lecker und so krabbelte Justus den ganzen Stiel der Rose hinauf. Um die Dornen musste er einen großen Bogen machen, sonst piekste er sich in den Bauch. Justus schaute gerade nach unten, als er plötzlich nicht weiter kam. Er hatte irgendetwas gerammt. Er drehte sich um – und was sah er da? Da saß jemand, der war genauso klein wie er, hatte einen schwarzen Kopf und Bauch, rote Flügel und darauf kleine schwarze Punkte. Sieben Stück um genau zu sein. Justus wäre vor Schreck fast vom Stiel gefallen.
“Wer bist du denn? Und vor allem: was bist du?” fragte Justus. Der andere drehte sich zu Justus um und sah ihn an.
![]()
“Ich heiße Simon – und ich bin, glaube ich jedenfalls, genau das gleiche wie du!”
“Soll das heißen, ich sehe aus wie du? Habe ich denn auch einen schwarzen Kopf, einen schwarzen Bauch, Fühler, kurze Beinchen und rote Flügel mit schwarzen Punkten?” Justus wurde ganz aufgeregt.
Simon fand er sehr hübsch. Und wenn er selber aussah wie Simon, dann hatte er sich zwar immer noch nicht selber gesehen, aber wusste jetzt trotzdem wie er selber aussah: wie Simon.
“Na klar siehst du aus wie ich! Du bist doch ein kleiner …!” lachte Simon.
Was für eine komische Frage! Simon musste lachen und dann knabberten die beiden die restlichen Läuse von der Rose und flogen dann weiter zur nächsten Pflanze. Es musste gefeiert werden, dass die Beiden sich gefunden hatten – am Besten mit noch mehr leckeren Blattläusen!
![]()
Was meint ihr, was Justus für ein Tier ist?


