Lila und Linus
Die Sonne über der Savanne Afrikas ging langsam unter. Sie sank hinter den Horizont und die letzten Strahlen schienen Lila auf den Rücken. Lila war groß und sehr schlank, fast ein wenig mager. Am schönsten fand sie an sich selber ihre schöne Zeichnung. Sie hatte viele braune Flecken auf dem dunkel gelben Fell. Während die Sonne für heute entschwand, wanderte Lila über die Grasfelder und suchte sich einen schönen Baum.
![]()
Sie fand eine Hakendornakazie, fuhr ihre lange Zunge aus und begann zu knabbern. Die Blätter und kleinen Äste dieses Baumes waren ihr Leibgericht. Sie schloss die Augen, genoss die letzte Wärme des Tages und kaute versunken auf den Blättern herum. Auch in der Nacht wird es in der Savanne zwar nie wirklich kalt, aber schon ein wenig schattig.
“Hallo, wovon träumst du denn?” Eine fremde Stimme holte Lila aus ihren Gedanken. Sie hatte gerade von einem wunderschönen, warmen Schlammloch zum Baden geträumt.
“So ein schöner Abend und du verschläfst ihn beinahe!”
![]()
Lila sah sich ihr Gegenüber an: er war noch ein wenig größer als sie und hatte einige große Flecken auf dem Fell, statt wie sie viele kleine.
“Wer bist du denn? Ich habe dich hier noch nie gesehen! Sonst bin ich immer ungestört hier!”
Lila sah ihm streng in die Augen, die sie lieb anschauten.
“Mein Name ist Linus, ich heiße wie mein Großvater. Ich bin den ganzen Tag und davor die ganze Nacht gewandert. Da, wo ich herkomme, sind ganz viele Menschen, die uns stören. Deshalb bin ich von dort weg gegangen.”
Lila fragte sich, was Menschen sind. So etwas hatte sie noch nie gesehen. Sie kannte nur die Tiere der Savanne, die um sie herum lebten.
“Ich bin Lila, aber was sind denn Menschen?”, fragte sie neugierig, aber auch wenig ängstlich.
“Sei froh, dass du keine kennst! Es ist ein kleineres Tier auf zwei Beinen. Es kann nicht so schnell laufen und auch nicht weit oder hoch springen. Ihr Hals ist kurz und ihre Beine auch. Aber sie haben Schießpistolen. Damit schießen sie auf uns, weil sie unser Fell so schön finden! Viele aus meiner Herde sind ihnen schon zum Opfer gefallen!”
![]()
Lila lief ein Schauer über ihren kurzen Rücken. Sie wedelte mit dem Schwanz: das tat sie immer, wenn sie aufgeregt war.
“Gut, dass du jetzt hier bist! Hier bist du in Sicherheit!”, beruhigte sie Linus.
“Soll ich dich mit an unser Wasserloch nehmen, dann kannst du meine Familie kennen lernen und auch etwas trinken?”
Linus sah Lila dankbar an. Er hatte großen Durst, nachdem er den Tag und die Nacht über durchgewandert war. Es war sehr heiß gewesen, die Luft flimmerte von der Hitze. Linus wollte schon aufgeben, weil er keine Artgenossen und auch kein Wasser fand. Was für ein Glück, dass ihm jetzt Lila begegnet war!
“Nun komm, meine Familie wartet sicher schon auf mich.” Lila sah Linus an und sie trabten los. Elegant sah er neben ihr aus und sie war ganz aufgeregt, ihrer Familie von Linus zu erzählen.
![]()
Lila hatte Recht gehabt. Ihre Familie war am Wasserloch in ein Gespräch mit der Familie von Alela vertieft. Alela war Lilas Freundin und sie waren in etwa gleich alt. Zu Lilas Familie gehörte ihre Mutter Kua, ein großes Tier, sehr majestätisch und das Familienoberhaupt. Ihr Vater hatte sich einer anderen Herde angeschlossen. Aber Lilas Schwestern Luisa und Leva lebte noch bei ihnen, ebenso wie die Schwester von ihrer Mutter, Mulua.
Als sie die Gruppe erreichten, sagte Lila: “Hallo zusammen, das ist Linus, ich habe ihn eben an der Akazie kennen gelernt!”
“Hallo Linus!”, sagten alle im Chor.
Und dann sahen sie sich den Neuen genauer an.
“Wo kommst du denn her? Und was machst du hier?”, fragte Mulua.
Linus sah traurig drein und seine kleinen Hörner legten sich mitsamt der Stirn in Falten. Dann erzählte er allen die Geschichte, die er schon Lila erzählt hatte.
![]()
“Das ist ja ungeheuerlich!”, rief Kua und stampfte böse mit den Hufen und der Staub wirbelte auf.
“Da muss man doch etwas tun! Da kommen irgendwelche Menschen und nehmen uns unser Land weg! Das kann man sich doch nicht gefallen lassen! Und was wollen diese Menschen mit unserem Land? Die fressen doch gar keine Blätter und Knospen! Oder mögen die vielleicht Blüten knabbern? Oder Gräser?”
Kua war außer sich vor Wut.
“Ich glaube, wir können nichts dagegen tun”, sagte Linus. “Sie sind stärker als wir, weil sie die Schießpistolen haben. Da können wir nur weglaufen, leider!”
Alle nickten niedergeschlagen mit ihren kleinen, langen Köpfen und Alela und ihre Familie zogen weiter, um sich einen Platz zum Fressen und später zum Schlafen zu suchen.
![]()
“Aber so einfach aufgeben kann man doch auch nicht!”, versuchte Kua es noch einmal.
“Doch, wir müssen”, antwortete Linus.
Er wendete sich Lila zu, die dem Gespräch stumm gefolgt hatte. Er nickte ihr aufmunternd zu und so verließen beide die Gruppe und wandert noch ein wenig durch das hohe Gras. Der Abend war einfach zu schön, um ihn sich verderben zu lassen. Lila lief los und galoppierte um einen Baum herum.
![]()
“Fang mich doch, wenn du kannst!”, rief sie und Linus setzte sich mit Schwung in Bewegung. Lila und Linus waren es gewohnt, lange Strecke zurück zu legen und auch mal ein Stück zu laufen. So tobten sie den ganzen Abend und spielten Fangen bis sie ganz erschöpft waren. Schließlich ließen sie sich im hohen Gras nieder, in der Nähe der Familie und unterhielten sich. Es war ein aufregender Tag gewesen und Lila war froh, dass endlich Ruhe einkehrte. Sie war begeistert von ihrem neuen Freund. Und Linus sah wirklich sehr gut aus. Er war groß und kräftig, hatte lange Beine, einen sehr langen Hals und eine tolle Musterung. Auch Linus war ganz vernarrt in Lila, die so zart war und so schnell laufen konnte. Da Linus und Lila nicht viel Schlaf brauchen, aber die Nähe des Anderen beiden gut tut, lehnten sie sich im Stehen an einander. So genossen sie die Wärme und schliefen schließlich bis die ersten Sonnenstrahlen über die Wiese blinzelten und ein neuer Tag in der Savanne erwachte. Beide träumten von einer ganzen Herde von …, die ohne Menschen glücklich in der Savanne Afrikas lebten, und Akazienblätter knabberten und Fangen spielten.
![]()
Na, was meint du, was Lila und Linus für Tiere sind?


